TY - JOUR
T1 - Pflanzengesellschaft des Jahres 2026
T2 - Federgras-Steppe (Festucion valesiacae)
AU - Becker, Thomas
AU - Bergmeier, Erwin
AU - Boch, Steffen
AU - Diekmann, Martin
AU - Dolnik, Christian
AU - Durka, Walter
AU - Ewald, Jörg
AU - Fartmann, Thomas
AU - Fechtler, Thomas
AU - Härdtle, Werner
AU - Heinken, Thilo
AU - Hölzel, Norbert
AU - Horn, Karsten
AU - Lütt, Silke
AU - Poniatowski, Dominik
AU - Pusch, Jürgen
AU - Remy, Dominique
AU - Schneider, Simone
AU - Thiel, Hjalmar
AU - Tischew, Sabine
AU - Vynokurov, Denys
AU - Willner, Wolfgang
N1 - Publisher Copyright:
© 2025 Floristisch - Soziologische Arbeitsgemeinschaft. All rights reserved.
PY - 2025
Y1 - 2025
N2 - Die Federgras-Steppe (Festucion valesiacae) wurde von der Floristisch-soziologischen Arbeitsgemeinschaft zur Pflanzengesellschaft des Jahres 2026 gewählt. Es handelt sich um einen in Mitteleuropa seltenen und gefährdeten Trockenrasentyp, der von Pflanzenarten mit subkontinentaler bis kontinentaler Verbreitung geprägt ist. In Deutschland ist die Federgras-Steppe auf Trocken- und Wärmegebiete beschränkt, wo sie auf nährstoffarmen Böden meist in südlicher Exposition wächst. Die
größten Vorkommen befinden sich im Mitteldeutschen Trockengebiet in Sachsen-Anhalt und Thüringen, gefolgt von den Trockengebieten Ostbrandenburgs und des nördlichen Oberrheingrabens in Hessen und Rheinland-Pfalz. Kleinere Vorkommen gibt es in Mainfranken in Bayern. Die FedergrasSteppe repräsentiert in Mitteleuropa Reste der spätpleistozänen bis frühholozänen Steppe, welche die holozäne Wiederbewaldung an edaphischen und mikroklimatischen Sonderstandorten mit Unterstützung großer pflanzenfressender Säugetiere überdauert hat. Ab dem Neolithikum hat dann der Mensch mit seinen Weidetieren maßgeblich zur Erhaltung und erneuten Ausbreitung der Federgras-Steppe beigetragen. Mit etwa 400 Gefäßpflanzenarten, die regelmäßig in den Beständen vorkommen, und mit
teilweise über 40 Arten pro 10–20 m² großer Aufnahmefläche ist die Federgras-Steppe sehr artenreich.
Charakteristisch sind insbesondere das Haar-Pfriemengras (Stipa capillata), das Echte Federgras (S. pennata) und der Walliser Schwingel (Festuca valesiaca) sowie zahlreiche Kräuter und Stauden.
Viele dieser Arten haben ihren Verbreitungsschwerpunkt in den Steppen Osteuropas. Einige Arten, wie der Stängellose Tragant (Astragalus exscapus), sind auf die mitteleuropäischen Steppen beschränkt und zählen in Deutschland zu den sogenannten Verantwortungsarten. Die Federgras-Steppe ist ein Hotspot
seltener und gefährdeter Arten. Von den 58 Gefäßpflanzen-Kennarten der Gesellschaft in Deutschland sind 89 % selten, sehr selten oder extrem selten und 81 % gefährdet, stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Die Federgras-Steppe ist auch für Moose, Flechten und Pilze sowie für Tiere, insbesondere Insekten, ein wichtiger Lebensraum. Mindestens 20 phytoparasitische Brand- und Rostpilze sind ausschließlich an die Gefäßpflanzen-Kennarten der Federgras-Steppe gebunden und somit selbst charakteristisch für diese. Mit der Einführung der industriellen Landwirtschaft ging die Federgras-Steppe stark zurück. Obwohl sie sowohl nach dem Bundesnaturschutzgesetz als auch nach der FFH-Richtlinie (Lebensraumtyp 6240, Subpannonische Steppen-Trockenrasen) unter besonderem Schutz steht und sich viele Bestände in Schutzgebieten befinden, bewirken insbesondere eine un-
zureichende und teilweise nicht mehr sachgemäße Pflege, atmosphärische Stickstoffeinträge sowie Düngereinträge aus angrenzenden intensiv genutzten Agrarflächen weiterhin eine rapide Verschlechterung ihres Zustands. All diese Faktoren begünstigen auch die Aufrechte Trespe (Bromus erectus), die
zurzeit die Federgras-Steppe Mitteldeutschlands invadiert. Da diese Art im Mitteldeutschen Trockengebiet früher nicht vorkam, ist sie hier ein Neophyt. Ein weiteres Problem ist die Fragmentierung der Federgras-Steppe, die zu genetischer Erosion in kleinen Populationen der Kennarten führt. Um die Sukzession aufzuhalten und um B. erectus zurückzudrängen, ist eine intensivere Pflege erforderlich.
Dazu sollten Programme zur extensiven Beweidung stärker gefördert werden. Zudem muss die Pflege an die durch Klimawandel und Stickstoffeinträge veränderten Bedingungen angepasst werden. Die seltensten und am stärksten gefährdeten Arten erfordern ein spezielles Lebensraum- und Populationsmanagement
AB - Die Federgras-Steppe (Festucion valesiacae) wurde von der Floristisch-soziologischen Arbeitsgemeinschaft zur Pflanzengesellschaft des Jahres 2026 gewählt. Es handelt sich um einen in Mitteleuropa seltenen und gefährdeten Trockenrasentyp, der von Pflanzenarten mit subkontinentaler bis kontinentaler Verbreitung geprägt ist. In Deutschland ist die Federgras-Steppe auf Trocken- und Wärmegebiete beschränkt, wo sie auf nährstoffarmen Böden meist in südlicher Exposition wächst. Die
größten Vorkommen befinden sich im Mitteldeutschen Trockengebiet in Sachsen-Anhalt und Thüringen, gefolgt von den Trockengebieten Ostbrandenburgs und des nördlichen Oberrheingrabens in Hessen und Rheinland-Pfalz. Kleinere Vorkommen gibt es in Mainfranken in Bayern. Die FedergrasSteppe repräsentiert in Mitteleuropa Reste der spätpleistozänen bis frühholozänen Steppe, welche die holozäne Wiederbewaldung an edaphischen und mikroklimatischen Sonderstandorten mit Unterstützung großer pflanzenfressender Säugetiere überdauert hat. Ab dem Neolithikum hat dann der Mensch mit seinen Weidetieren maßgeblich zur Erhaltung und erneuten Ausbreitung der Federgras-Steppe beigetragen. Mit etwa 400 Gefäßpflanzenarten, die regelmäßig in den Beständen vorkommen, und mit
teilweise über 40 Arten pro 10–20 m² großer Aufnahmefläche ist die Federgras-Steppe sehr artenreich.
Charakteristisch sind insbesondere das Haar-Pfriemengras (Stipa capillata), das Echte Federgras (S. pennata) und der Walliser Schwingel (Festuca valesiaca) sowie zahlreiche Kräuter und Stauden.
Viele dieser Arten haben ihren Verbreitungsschwerpunkt in den Steppen Osteuropas. Einige Arten, wie der Stängellose Tragant (Astragalus exscapus), sind auf die mitteleuropäischen Steppen beschränkt und zählen in Deutschland zu den sogenannten Verantwortungsarten. Die Federgras-Steppe ist ein Hotspot
seltener und gefährdeter Arten. Von den 58 Gefäßpflanzen-Kennarten der Gesellschaft in Deutschland sind 89 % selten, sehr selten oder extrem selten und 81 % gefährdet, stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Die Federgras-Steppe ist auch für Moose, Flechten und Pilze sowie für Tiere, insbesondere Insekten, ein wichtiger Lebensraum. Mindestens 20 phytoparasitische Brand- und Rostpilze sind ausschließlich an die Gefäßpflanzen-Kennarten der Federgras-Steppe gebunden und somit selbst charakteristisch für diese. Mit der Einführung der industriellen Landwirtschaft ging die Federgras-Steppe stark zurück. Obwohl sie sowohl nach dem Bundesnaturschutzgesetz als auch nach der FFH-Richtlinie (Lebensraumtyp 6240, Subpannonische Steppen-Trockenrasen) unter besonderem Schutz steht und sich viele Bestände in Schutzgebieten befinden, bewirken insbesondere eine un-
zureichende und teilweise nicht mehr sachgemäße Pflege, atmosphärische Stickstoffeinträge sowie Düngereinträge aus angrenzenden intensiv genutzten Agrarflächen weiterhin eine rapide Verschlechterung ihres Zustands. All diese Faktoren begünstigen auch die Aufrechte Trespe (Bromus erectus), die
zurzeit die Federgras-Steppe Mitteldeutschlands invadiert. Da diese Art im Mitteldeutschen Trockengebiet früher nicht vorkam, ist sie hier ein Neophyt. Ein weiteres Problem ist die Fragmentierung der Federgras-Steppe, die zu genetischer Erosion in kleinen Populationen der Kennarten führt. Um die Sukzession aufzuhalten und um B. erectus zurückzudrängen, ist eine intensivere Pflege erforderlich.
Dazu sollten Programme zur extensiven Beweidung stärker gefördert werden. Zudem muss die Pflege an die durch Klimawandel und Stickstoffeinträge veränderten Bedingungen angepasst werden. Die seltensten und am stärksten gefährdeten Arten erfordern ein spezielles Lebensraum- und Populationsmanagement
KW - Biodiversity conservation
KW - dry grassland
KW - EU habitat type 6240
KW - Festucion valesiacae
KW - Germany
KW - Plant Community of the Year
KW - rare vegetation type
KW - review
KW - steppe
KW - Stipa grassland
KW - Biologie
UR - https://www.scopus.com/pages/publications/105024191117
U2 - 10.14471/2025.45.016
DO - 10.14471/2025.45.016
M3 - Zeitschriftenaufsätze
AN - SCOPUS:105024191117
SN - 0722-494X
VL - 45
SP - 281
EP - 354
JO - Tuexenia
JF - Tuexenia
ER -