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„Ausradiert? Als die Literatur der DDR unterging.“ im Gespräch mit Carsten Gansel

  • Gräfe, A. (Sprecher*in)
  • Carsten Gansel (Sprecher*in)

Aktivität: Vorträge und GastvorlesungenVorträge in anderen VeranstaltungenTransfer

Beschreibung

04.06.2026, 15 Uhr, Gespräch mit Carsten Gansel und Anne Gräfe zu Carsten Gansels Buch "Ausradiert?" in der Aula der Kurt-Schwitters-Schule, Prenzlauer Berg
Neben den wichtigen biografischen Eckpunkten – also Güstrow, Gießen, PEN, Uwe-Johnson-Preis, Christa-Wolf-Gesellschaft, Brigitte-Reimann-Biographie, Stalingrad-Neuedition –, sprechen wir heute über das Buch an einem Ort, an dem die Frage nicht ganz unschuldig ist: einer Schule. Schule sortiert ja nicht nur Bücher in Leselisten. Schule sortiert auch, was von der Vergangenheit als bildungsfähig gilt und was als erledigt in den hinteren Regalen verschwindet.
"Ausradiert?" heißt Gansels Buch, und man könnte kurz glauben, es handle von einem klar umrissenen literaturgeschichtlichen Schadenfall: DDR-Literatur, Verlage, Bücher, Kanon. Also von jenen Dingen, von denen man annimmt, sie ließen sich nachträglich katalogisieren, bedauern, vielleicht ein bisschen rehabilitieren, und dann wäre die Sache wieder ordentlich abgelegt. Nur funktioniert Literatur, zum Glück oder zum Ärger, nicht so ... einfach.
Denn mit Texten verschwinden nicht nur Texte. Nicht nur Lebensrealitäten. Es verschwinden auch Leseweisen. Formen der Aufmerksamkeit. Formen der Erinnerung. Übungen im Aushalten von Widerspruch. Die Fähigkeit, nicht sofort zu wissen, wer recht hat, sondern erst einmal zu fragen, wer spricht, aus welcher Position, mit welchem Ton, mit welchen Leerstellen, mit welchen Beschädigungen.
Es soll heute deshalb nicht darum gehen, Unfreiheit, Zensur, Anpassung und Gewalt in eine Literaturgeschichte hineinzuversöhnen. Interessanter, vielleicht auch unbequemer, scheint mir die umgekehrte Frage: Was verlieren wir an Gegenwart – und ich möchte auch sagen Demokratiefähigkeit -, wenn wir diese Literatur nur noch als (teilweise bereits vergrabene) Vergangenheit behandeln?
Die These des Nachmittagsgespräch ist: Vielleicht ist DDR-Literatur im Unterricht weniger ein Nachholprogramm für ein ausradiertes Kapitel als eine Probe auf unsere eigene Lesefähigkeit: Auf die Fähigkeit, Bilder, Narrationen und Erinnerungen von Geschichte zu unterscheiden - von Geschichte selbst. Und also auf die Möglichkeit, im Dialog mit den Toten, wie es Heiner Müller einmal nannte, so zu sprechen, dass daraus Zukunft nicht fertig wird – aber vielleicht wieder fraglich.
Zeitraum04.06.2026
EreignistitelAusradiert? Als die Literatur der DDR unterging: Gespräch zwischen Herrn Prof. Dr. Carsten Gansel und Dr. Anne Graefe
VeranstaltungstypSonstiges
OrtBerlin, DeutschlandAuf Karte anzeigen
BekanntheitsgradNational

Fachgebiete und Schlagwörter

  • Kulturwissenschaften allg.
  • Erinnerungskultur
  • Geschichtswissenschaft
  • DDR-Wissenschaft
  • Literaturwissenschaft
  • DDR-Literatur